Gänsereiten: Deutscher Text

 

Unser Verein, der “Folkloristische Vereiniging Gawstrèkkers Beeg”, übt im Dorf Grevenbicht (Niederlande, Provinz Limburg) einen Jahrhunderte alten Brauch aus, das “Gawstrèkke”, auf deutsch u.a. “Gänsereiten”. Dabei versuchen Reiter eine vorher getötete und präparierte Gans, die an den Füßen aufgehängt wurde, mit der Hand zu enthaupten. Der Gewinner wird zum König gekrönt. Danach findet ein “Gänse-Essen” statt.

Die älteste bisher bekannte Erwähnung des Gänsereitens in einer Urkunde stammt aus Ieper (Ypern) in Belgien (damals Südliche Niederlande): 1287-1300, Keures de la ville d’Ypre, Nul me ietsche as auwes dedans le banlieve d’Ypre, sour XX s. (“Es soll keine Gans geworfen werden am Stadtrand von Ieper auf Strafe von 20 schillinge” – es handelte sich hier um Gänsewerfen, d.h. mit Stöcken werfen um die Gans zu köpfen).
Seitdem gibt es zahllose Erwähnungen, wie z.B. Brügge 1334, Brüssel 1341, Friesland 1357, Reims 1399, Recklinghausen 1534, Münster 1560.
Das Gänsereiten ist auch bekannt aus Literatur (z.B. Bredero 1585-1618) und verschiedenen Gemälden.
Damals ging es bei diesen Bräuchen oft um rohe Volksbelustigungen mit lebenden Tieren, wobei viel getrunken wurde. In vielen Städten wurden sie deswegen schon im Mittelalter verboten. Die meisten Erwähnungen sind diesem Umstand zu verdanken.
Diese Tierbräuche waren weit verbreitet im Nordwesten Europas. Auch wurden sie über das restliche Europa weiter verbreitet, besonders nach Osten in die deutschsprachigen Gebiete und nach Spanien. Von Europa aus wurden die Gebräuche auch in die Neue Welt exportiert.
Als rohe Bauerntradition besteht beim Gänsereiten keine Verbindung mit Ritterspielen, bei denen es mehr um Geschicklichkeit ging.
Der mittelalterliche Zweck roher Volksbelustigung entspricht wahrscheinlich nicht dem ursprünglichen Sinn dieser Bräuche. Vieles weißt darauf hin dass es sich dabei im Grunde um Opferrituale handelte. Die Kraft, die das Gänsereiten über die Jahrhunderte gebracht hat, ist die Kraft vom Gemeinsinn, die Kraft der lokalen Gesellschaft. Das Gänsereiten wurzelt in den Herzen der Menschen, in der innerlichen Volkskultur. Damit behüten die Gänsereiter ein wichtiges Stück Geschichte von großer Bedeutung in der modernen Welt, wo Leute keine Zeit für einander mehr haben und Individualität das Zusammensein bedroht.

In anderen Sprachen spricht man von:
Niederländisch: Ganstrekken, Gansrijden oder Genkrijden,
Deutsch: Gänsereiten, Gansreiten oder Gansabreiten,
Englisch: Gander-pulling oder Goose-pulling,
Spanisch: Carreras de gansos,
Baskisch: Aintzara-yoku
Französisch: Cou de l’oie, Chevauchement de l’oie.

Spiele wie Hahnrupfen, Hahneköppen, Gansschlagen, Gansabhauen, Tonnen(ab)schlagen und Kufenstechen sind mit dem Gänsereiten verwandt. Beim Tonnenschlagen wurde ursprünglich eine Katze in die Tonne eingesperrt.

Auf dieser Webseite erzählen wir von unserem Verein, aber wir sprechen auch ausführlich über unsere Nachforschungen der Geschichte und Verbreitung des Gänsereitens und anderer Tierbräuche.
Die Bilder auf den Niederländischen Seiten geben Ihnen einen Eindruck vom Fest.

Es steht auch ein ausführlicher Bericht zur verfügung über die Geschichte des Gänsereitens. Lesen Sie “Geschichte des Gänsereitens” im Menü “Historie”:  Klicken Sie hier

Wir appellieren an die Besucher dieser Webseite, uns bei unseren Nachforschungen über die Geschichte des Gänsereitens und ähnlichen Tierbräuchen behilflich zu sein.
Gibt es ähnliches bei Ihnen in der Gegend? Haben Sie Bilder? Haben Sie jemals irgendwo auf der Welt solche Bräuche beobachtet? Wissen Sie mehr über die Rolle der Gans in der Volkskultur? Kennen Sie entsprechende Literatur? Bitte, geben Sie uns Bescheid!

Wir teilen gerne unsere Kenntnisse mit Ihnen.